Am Freitag, den 25.10. gab es auf den Internetseiten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bereits eine Vorwarnung wegen eines sich abzeichnenden Sturms. Von Böen mit 120 km/h Windgeschwindigkeit war bereits zu diesem Zeitpunkt die Rede, genauere Aussagen zum aufziehenden Sturm sollten ungefähr 2 Tage später folgen...

Solche Warnungen sind natürlich sehr hilfreich: Wer Bedarf hat, kann Schutzmaßnahmen treffen, Einsatzkräfte können sich zumindest seelisch auf die Situation einstellen. Deshalb blenden wir Warnhinweise auf diesen Seiten ein, wenn es Unwetter-, Flut- oder Wald- bzw. Grasland-Brandgefahrwarnungen gibt: Wer die Startseite der FF Eimsbüttel aufruft, bekommt ein zusätzliches Fenster mit Links zu den Originalmeldungen. Und jederzeit wieder aufrufbar ist unsere Seite mit aktuellen Meldungen, die die Hinweise ebenfalls enthält. Die Warnungen des DWD sind übrigens dort im Web zu finden: Deutscher Wetterdienst - Wetterwarnungen.

Das Sturmtief "Jeanett" zog von Großbritannien kommend über Deutschland hinweg in Richtung Baltikum. Der Wetterdienst der Niederlande bezeichnete den Orkan als den schwersten Sturm seit 12 Jahren. Seine Ausläufer erreichten Deutschland am Samstag, den 26. Oktober. Letztlich führte der Sturm bundesweit zu ca. 50.000 Feuerwehreinsätzen mit geschätzten 150.000 Kräften. Die Windgeschwindigkeiten betrugen bei Böen bis zu 194 km/h (Windstärke 16, siehe Windstärkentabelle).

Am Samstag erreichten Hamburg 10 Windstärken (100 km/h) und starke Regenfälle. Die Feuerwehr fuhr ca. 170 Einsätze, die FF Eimsbüttel war ab 12 Uhr 19 dabei und an 9 Einsätzen beteiligt (siehe Einsatzliste 2002). An allen abgearbeiteten Einsatzstellen war die Lage dieselbe: Die Siele wären in der Lage gewesen, die nicht so gewaltigen Regenmengen aufzunehmen, aber die Sieldeckel waren mit Laub verstopft. Maßnahmen vor Ort: Gefahrstellen absichern, anschließend durch die "Seen" stiefeln und am Straßenrand mit Besenstielen stochern, bis ein Gully gefunden wurde. Dann das Laub mit dem groben Besen zur Seite befördern, bis das Wasser abfließen konnte. Eventuell Sieldeckel für einige Zeit herausnehmen und Fremdkörper von Hand entfernen. Ach ja: Wer im Herbst aufmerksam durch die Straßen geht, kann eine der Ursachen für diese Art der Überschwemmungen sehen. Immer wieder fegen Leute das Laub vom Gehweg oder sogar von ihren Grundstücken einfach auf die Fahrbahn!

Am Sonntag und in der Nacht zum Montag bekam Hamburg dann Sturm mit bis zu 160 Stundenkilometern ab (Windstärke 14). Für die FF Eimsbüttel ging es am Sonntag um 14:19 Uhr los, Ende war am Montag gegen 5 Uhr: 16 Einsätze in fast 15 Stunden. Verglichen mit anderen Wehren eine geringe Einsatzzahl, allerdings waren auch mehrere langwierige Einsätze dabei. Hier kommen die Beschreibungen einiger davon:


27.10.2002, 17:37
Isestraße: Baum umgestürzt

Die wesentlichen Informationen, mit denen wir alarmiert wurden, lasen sich auf unseren Piepern so:


Das Kürzel "DRZF" steht für "droht zu fallen" und bedeutet, daß ein Gegenstand herab- oder umzustürzen droht bzw. bereits gefallen ist. "Isestraße" wäre als Bezeichnung für den Einsatzort natürlich etwas wenig, da diese Straße recht lang ist. Deshalb war in der Originalmeldung noch eine Hausnummer enthalten. Und das "Hö" am Ende der Meldung kam zustande, weil nur eine bestimmte Anzahl von Zeichen pro Nachricht an die Pieper übertragen werden kann. In diesem Fall bekamen wir den Rest über Sprechfunk mitgeteilt: "Höhe Eppendorfer Baum".

Die Lage in der Isestraße: Der Sturm hatte einen Kastanienbaum entwurzelt, der beim Umstürzen an einem Gebäude einige Schäden verursachte. Im 1. Stock wurde eine Fensterscheibe einer Arztpraxis beschädigt, außerdem die Leuchtreklame und ein Schaufenster eines Geschäftes. Der Baum landete schließlich auf dem Parkstreifen und sehr breiten Fußweg vor dem Haus. Um genau zu sein, landete er nicht, wie per Pieper mitgeteilt, einfach auf dem Gehweg, sondern auf abgestellten PKWs. Da es sich um eine ziemlich große Kastanie mit einem Stammdurchmesser von ungefähr 1,5 Metern handelte, waren die Auswirkungen entsprechend heftig.

Ein ordnungsgemäß abgestellter VW Golf
muß wohl als Totalschaden
betrachtet werden.

Foto: BILD/Thomas Knoop

 
Foto: Mathias Unger

Ein weiterer, auf dem Gehweg
direkt am Haus geparkter PKW,
war anschließend ziemlich platt.
Foto: BILD/Thomas Knoop

Personen waren zum Zeitpunkt des Geschehens glücklicherweise nicht im Gefahrenbereich.

Unsere Aktivitäten: Absichern der Einsatzstelle, Zerlegen des Baumes mit Hilfe von Motorsägen und Räumung des Fußwegs. Während dieser Arbeiten erschien ein Fernsehteam, das für das ZDF drehte. Es war von der Feuerwehr Hamburg zu dieser Einsatzstelle geschickt worden und begleitete uns später auch bei einigen der folgenden Einsätzen. Außerdem fotografierten Anwohner und Zeitungsreporter unsere Aktionen vor Ort. Einige dieser Personen und die Bild Hamburg stellten uns ihre Bilder zur Verfügung, wofür wir uns auf diesem Wege bedanken möchten. Eine Auswahl der Fotos finden sie hier wieder.    

Das entstandene Filmmaterial war schließlich die Basis für mehrere Berichte im ZDF. Hier können Sie sich Ausschnitte daraus ansehen:
Video-Sequenz (wmv-Format, geringe Qualität, ca. 3 MB)
Video-Sequenz (wmv-Format, höhere Qualität, ca. 10 MB)
Nach den Bildern vom Einsatz in der Isestraße folgen darin übrigens noch Aufnahmen von den beiden nachfolgend beschriebenen Einsätzen.


27.10.2002, 21:33
Schulterblatt: Gerüst absturzgefährdet

Zu diesem Einsatz wurden wir so alarmiert (Pieper-Anzeige stark reduziert):


Auch in dieser Meldung war eine Hausnummer enthalten, die wir wie üblich wegen des notwendigen Datenschutzes nicht wiedergeben. Die hinten abgeschnittene Situationsbeschreibung wies darauf hin, daß das angesprochene Gerüst abzustürzen drohte.




Die Lage am Schulterblatt: Ein sehr langes Baugerüst an der Vorderfront eines Gebäudes war zum Teil mit daran befestigten Planen verkleidet. Der Sturm faßte nun hinter die Planen und übte daher enorme Kräfte auf das Gerüst aus. Es drohte in der Tat losgerissen zu werden und umzustürzen.

Hier waren sofortige Absperrmaßnahmen erforderlich, damit sich im Falle eines Einsturzes nicht gerade Fußgänger, Radfahrer oder Fahrzeuge durch den Gefahrenbereich bewegten. Die Polizei war allerdings nicht vor Ort, also stellten wir unsere beiden Löschfahrzeuge zu beiden Seiten des Einsatzortes quer zur Fahrbahn und postierten einige unserer Leute so, das sie Passanten etc. abfangen konnten.

Die weitere Erkundung ergab, daß wir die Planen entfernen konnten. So wäre dem Wind die Angriffsfläche genommen, das Gerüst wäre dann nicht mehr in Gefahr. Also wurden die Planen von uns geborgen und auf der Baustelle für den Besitzer hinterlegt.

Auch an dieser Einsatzstelle war das ZDF-Team wieder bei uns. Wenn Sie sich den Ausschnitt aus der ZDF-Sendung bereits angesehen haben (Link siehe oben), konnten Sie einige unserer Tätigkeiten bei diesem Einsatz beobachten.

Wir hatten den Einsatz gerade beendet und warteten auf Folgeaufgaben, als wir über Funk eine erschreckende Mitteilung mithörten: Ein Baum sei auf einen Angehörigen einer anderen Freiwilligen Feuerwehr gestürzt und hätte ihn erschlagen. Wir waren für eine Zeitlang wie gelähmt und versuchten, uns gegenseitig zu beruhigen: Möglicherweise hatte der am Sprechfunkgerät sitzende FF-Angehörige das Geschehen aus einiger Entfernung gesehen und das Schlimmste angenommen, deshalb sofort einen Notruf abgesetzt und einen Notarzt angefordert. Später erfuhren wir, daß es wohl tatsächlich schlimmer ausgesehen haben mußte, als es wirklich war: Der Kamerad wurde von einem Ast am Kopf getroffen und erlitt eine Gehirnerschütterung. Wir wünschen ihm auf diesem Wege gute Besserung!


27.10.2002, 22:41
Bei der Schilleroper: Fenster beschädigt

und
27.10.2002, 23:15
Lerchenstraße: Dachverkleidung gelöst

Zum ersten dieser Einsätze wurden wir so alarmiert:




In der Straße "Bei der Schilleroper" war die Schilleroper selbst unser Einsatzort. Bei diesem Gebäude handelt es sich um ein ehemaliges Rundtheater, in dem seinerzeit schon Hans Albers aufgetreten war. Durch den Sturm hatten sich im obersten Stockwerk Fensterelemente mit einer Breite vom ca. 6 Metern gelöst und drohten, aus der Verankerung gerissen zu werden. Ein Element war bereits herausgebrochen und lag auf dem Dach des ersten Obergeschosses. Mit unseren Leitern war nicht an die Schadensstelle heranzukommen. Daher wurde eine Drehleiter der Berufsfeuerwehr geordert. Da bei einer solchen Wetterlage die Drehleitern natürlich pausenlos in Einsatz waren, mussten wir ca. 2 Stunden warten. Nach Eintreffen der Drehleiter der Wache 13 wurden die losen und das herausgebrochene Fensterelemente gesichert.

Noch während wir auf die Drehleiter für die Schilleroper warteten, machten uns Passanten auf eine Dachverkleidung aufmerksam, die der Sturm losgerissen hatte und die auf die Straße zu stützen drohte. Auch hier konnten wir ohne Drehleiter nicht an die Schadensstelle herankommen: Es handelte sich um die metallene Dacheinfassung eines 4-geschossigen Wohnhauses in der Lerchenstraße, die sich auf einer Länge von ca. 30 Metern gelöst hatte. Daher wurde zunächst nur die Straße abgesperrt. Nach Eintreffen der Drehleiter wurde die Dachverkleidung gesichert.

Nebenstehend finden Sie einige Bilder vom Einsatz in der Lerchenstraße.


28.10.2002, 00:04
Eichenstraße: Baum auf PKWs

Auch bei diesem Einsatz gab die Alarmmeldung nicht viel an Informationen her, selbst in der ungekürzten Originalversion nicht:

Die Lage in der Eichenstraße: Der Baum lag nicht auf der Straße, sondern auf einer Reihe von geparkten PKWs. Der untere Teil des Stamms lag auf 2 Fahrzeugen (zweifellos Totalschäden). Und der obere Teil hatte sich nach dem Aufprall durchgebogen, hatte die nächsten Autos in der Reihe ebenfalls beschädigt. Jetzt stützte sich der Baum auf die zerstörten Wagen, der obere Teil war wieder hochgefedert und schwebte über den anderen.

Hier kam wieder eine Motorsäge zum Einsatz. Zunächst wurden alle "problemlosen" Äste entfernt. Danach ging es an Äste, die beim Absägen auf die nur gering betroffenen Fahrzeuge fallen würden und dort noch mehr Schäden anrichten könnten. Hier wurden Sicherheitsmaßnahmen getroffen: Motorhauben etc. wurden abgedeckt oder abgepolstert; die Äste wurden zunächst nur so angesägt, daß sie mit Seilen oder von Hand weggebogen werden konnten. Schließlich wurde noch der massive Stamm von den beiden Fahrzeugswracks Stück für Stück entfernt. Danach wurde die Einsatzstelle an die Polizei übergeben, die dann die PKW-Besitzer ermitteln und benachrichtigen konnte.

Die Einsatzstelle und unsere Tätigkeiten wurden von einem Anwohner mit einer Videokamera aufgenommen. Wir möchten uns hiermit für seine Mühe bedanken: Er hat die brauchbaren Szenen zusammengeschnitten und uns auf einem Band zukommen lassen! Einige Standbilder daraus sehen Sie nach diesem Absatz, wegen der schlechten Lichtverhältnisse ist die Qualität allerdings nicht überragend.
Die Situation bei unserem Eintreffen: Die Baumkrone verbarg die PKWs völlig.
Der Wagen neben der Wurzel war am stärksten beschädigt.
Blick auf die am stärksten betroffenen Fahrzeuge nach Entfernung der meisten Äste.
Das Dach des VW Käfers war ziemlich "zerknautscht".


28.10.2002, 00:04
Bellealliancestraße: Umsturzgefährdeter Baum

Dieser Alarm kam zusammen mit dem zuvor beschriebenen, hat deshalb die selbe Einsatzzeit. Die Reihenfolge der Abarbeitung war vorgegeben, deshalb wurden wir hier erst nach der langwierigen Beseitigung des Baumes in der Eichenstraße tätig:

Die Lage in der Bellealliancestraße: Ein auf dem Gehweg stehender Baum war durch den Sturm zur Seite geneigt worden, ragte schräg über die Straße und stützte sich auf der anderen Seite im Geäst zweier anderer Bäume ab. Ein Sturz in diese Richtung wäre nicht weiter schlimm gewesen, da dort kein Gebäude und keine geparkten Fahrzeuge in Gefahr waren. Außerdem hätten die beiden Bäume auf dieser Straßenseite eine Bewegung nach rechts oder links unmöglich gemacht.

Nach der Absicherung machten wir uns also daran, den Stamm knapp oberhalb der Wurzel mittels Kettensäge zu kappen. Ziel: Der noch verbliebene Widerstand gegen eine stärkere Neigung sollte entfallen, der Baum durch die dann größere Belastung im Bereich der Krone zwischen den gegenüberliegenden zu Boden gehen. Leider klappte es nicht wie geplant. Der abgesägte Stamm rutschte wie vorgesehen vom Stumpf herab auf die Straße, aber das Geäst der anderen Bäume hielt das zusätzliche Gewicht aus.

Hätten wir den Stamm nun erneut gekürzt, so wäre der Baum nicht mehr unbedingt in die gewünschte Richtung gefallen und es wären mehrere PKWs gefährdet worden. Also gab es einen neuen Plan: Ziehen des Baumes am untersten Ende des Stamms, bis er längs auf der Straße landet. Hierbei konnten im ungünstigsten Fall wenige PKWs im Bereich der herunterkommenden Baumkrone sein. Also wurden deren Kennzeichen per Funk an unsere Einsatzzentrale übermittelt, die dann Kontakt zur Polizei aufnahm und uns einige Zeit später die von der Polizei ermittelten Namen und Adressen der Besitzer bekanntgab.

Wir klingelten also die in der Umgebung wohnenden betroffenen PKW-Besitzer aus dem Bett, damit sie ihre Wagen aus dem Gefahrenbereich bringen konnten. Und einen Wagen verschoben wir selbst mit Muskelkraft ein paar Meter zur Seite. Schließlich konnte die geplante Aktion problemlos durchgeführt werden. Der danach auf der Straße liegende Baum wurde dann noch zerlegt und beiseite geräumt.


Bis zum Montag Vormittag rückte die Feuerwehr in Hamburg insgesamt zu ungefähr 1.100 Einsätzen aus. Auf Grund des heftigen Windes aus westlichen Richtungen kam es übrigens auch noch zu einer Sturmflut im Hamburger Hafen. Die lief allerdings nicht so hoch auf, daß wir dort noch hätten tätig werden müssen. In den folgenden Tagen flaute der Sturm langsam ab, für einige Zeit gab es noch Gewitter, stärkere Regenfälle und Wind bis zu Stärke 8 (um 70 km/h).

Weitere Informationen können Sie auch diesen Zeitungsartikeln entnehmen:
Bericht im Hamburger Abendblatt vom 28.10.2002
Bericht in der Hamburger Morgenpost vom 28.10.2002
Bericht im Hamburger Abendblatt vom 29.10.2002
Bericht in der Hamburger Morgenpost vom 29.10.2002

Text: Norbert Kölln


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